Beim FREI DAY setzen sich Schülerinnen und Schüler mit Fragen aus ihrer Lebenswelt auseinander, entwickeln eigene Projekte und übernehmen Verantwortung. Zwischen Oster- und Sommerferien erprobten die Grundschullehrerinnen Eva-Maria Nagel und Bettina Hertler das Format mit einer dritten und einer vierten Klasse. In einer gemeinsamen Doppelstunde pro Woche arbeiteten die Kinder an selbst gewählten Vorhaben.
Vom Müllsammeln bis zum CO₂-Filter
Zu Beginn lernten die Kinder die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen kennen. Anschließend fragten sie sich: Wo können wir an unserer Schule oder in unserem Ort etwas verbessern – für die Menschen und für die Umwelt?
Eine Gruppe sammelte Müll auf dem Schulgelände und in der Umgebung. Andere Kinder planten und bauten ein Insektenhotel. Eine weitere Gruppe entwickelte einen CO₂-Filter aus einem Pappkarton, Grünlilien und einem recycelten Ventilator.
Im FREI DAY zählt dabei nicht nur das fertige Ergebnis. Die Kinder entwickeln Fragen, sammeln Informationen, treffen Entscheidungen, verteilen Aufgaben und überlegen gemeinsam, wie es weitergeht. So entstehen ganz selbstverständlich Bezüge zu Sachunterricht, Deutsch, Mathematik, Technik und Umweltbildung.
Wenn der Bürgermeister auf dem Schulhof steht
Wie viel Eigeninitiative der FREI DAY freisetzen kann, zeigte eine Gruppe, die Bäume auf dem Schulgelände pflanzen wollte. Die Kinder fanden heraus, dass sie dafür die Stadt als Schulträgerin ansprechen mussten – und überzeugten kurzerhand den Bürgermeister, zu einem Ortstermin vorbeizukommen. Die Lehrkräfte wussten davon zunächst nichts.
Für die Erwachsenen war das eine überraschende Situation. Zugleich zeigte sich darin genau, was den FREI DAY ausmacht: Die Kinder warteten nicht darauf, dass jemand anderes ihr Anliegen übernahm, sondern wurden selbst aktiv. Künftig wird es darum gehen, solche Abstimmungsprozesse gemeinsam mit den Kindern weiterzuentwickeln, damit auch außerschulische Partner gut einbezogen werden.


Neue Fähigkeiten werden sichtbar
Besonders wertvoll war die Erfahrung, dass sich im FREI DAY auch Kinder einbringen konnten, die im regulären Unterricht nicht immer gut mitkommen oder als verhaltensauffällig wahrgenommen werden. In den selbst gewählten Projekten übernahmen sie Verantwortung und konnten ihre praktischen Fähigkeiten zeigen.
Beim Upcycling von Spielzeug für einen benachbarten Kindergarten stellten sie sich Fragen wie: Woher bekommen wir Material? Welche Werkzeuge brauchen wir? Wie bauen wir die Teile zusammen? So wurden ihre Fähigkeiten sichtbar und erfuhren Anerkennung.
Für die Lehrerinnen bedeutete der Pilot, die eigene Rolle neu zu betrachten. Im FREI DAY gilt es, die Kinder nicht zu eng zu führen, ihnen eigene Wege und auch Fehler zuzutrauen und gleichzeitig Orientierung zu geben. Lernbegleitung heißt, flexible Leitplanken zu setzen, Fragen zu stellen und dort zu unterstützen, wo die Kinder allein nicht weiterkommen.
Der nächste Schritt
Mit fast 50 Kindern und nur zwei Lehrkräften war die Umsetzung eine Herausforderung. Wenn im kommenden Schuljahr alle dritten und vierten Klassen teilnehmen und drei Stunden pro Woche für den FREI DAY zur Verfügung stehen, braucht es deshalb weitere Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter. Erste Überlegungen gehen in Richtung einer Zusammenarbeit mit Studierenden der Pädagogischen Hochschule.
Ein besonderer Höhepunkt war das FREI DAY-Fest kurz vor den Sommerferien. Die Kinder präsentierten ihre Projekte, die Eltern zeigten große Wertschätzung und hinterließen zahlreiche ermutigende Nachrichten.
Die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt machen Mut: Wenn Schulen Freiräume schaffen und Kinder professionell begleiten, entwickeln sie eigene Ideen, übernehmen Verantwortung und erleben, dass Veränderung mit einem ersten Schritt beginnt.