Der FREI DAY ist ein Lernformat von Schule im Aufbruch.

„Nicht wir geben die Themen vor“: Selbstgesteuertes Lernen im Botanischen Garten Erlangen

Was passiert, wenn Kinder selbst entscheiden, was sie wissen wollen? Im Botanischen Garten der FAU Erlangen-Nürnberg können Schulklassen genau das im Angebot „Selbstgesteuertes Lernen für die Zukunft” ausprobieren. Beim ersten Besuch erkunden sie den Garten auf eigene Faust und wählen ein Thema. Beim zweiten gehen sie ihren Fragen gemeinsam mit den Gartenführerinnen und Gartenführern auf den Grund.

Wir sprechen mit der Bildungsbeauftragten Katrin Simon darüber, wie das Format entstanden ist, mit welchen Fragen die Kinder kommen und was Botanische Gärten als außerschulische Lernorte leisten können.

Liebe Frau Simon, zum Aufwärmen: Was ist Ihre Lieblingspflanze?

Das ist eine sehr schöne Frage! Meine Lieblingspflanze ist eigentlich immer die Pflanze, die mir gerade begegnet und die ich noch nicht kenne. Mich fasziniert, wie vielfältig die Pflanzenwelt ist und wie viel es selbst nach vielen Jahren immer noch zu entdecken gibt. Für mich ist dieses lebenslange, oft ganz beiläufige Lernen über Pflanzen eine große Bereicherung, die mir unglaublich viel Freude bereitet. Gerade das macht für mich die Beschäftigung mit Pflanzen so spannend: Man lernt eigentlich nie aus!

Wie entstand das Lernformat „Selbstgesteuertes Lernen für die Zukunft”?

Ein wichtiger Grundsatz unserer Bildungsarbeit im Botanischen Garten ist, auf die Interessen und Fragen unserer Besucherinnen und Besucher einzugehen. Wir möchten nicht nur botanisches Wissen vermitteln, sondern Naturerfahrungen ermöglichen und Themen aufgreifen, die die Menschen selbst beschäftigen. Wer sich für eine Frage wirklich interessiert, bringt meist auch eine große Motivation mit, mehr darüber zu erfahren.

Bei klassischen Führungen ist das allerdings nicht immer einfach. Die gemeinsame Zeit ist begrenzt, und viele Besucherinnen und Besucher sind zunächst zurückhaltend. Deshalb haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, die Themenfindung stärker in die Hände der Lernenden zu legen.

Ein persönlicher Impuls kam aus dem Waldkindergarten meiner Kinder. Dort konnten die Kinder die Themen ihrer Projekttage selbst auswählen und die Umsetzung mitplanen. Diese Erfahrung hat mich inspiriert, ein ähnliches Prinzip für ein Bildungsangebot im Botanischen Garten auszuprobieren.

Und seit wann gibt es das Angebot für Schulen?

Das Bildungsangebot „Selbstgesteuertes Lernen für die Zukunft“ gibt es seit Sommer 2024. Seitdem ermöglichen wir Schülerinnen und Schülern, den Botanischen Garten auf der Grundlage ihrer eigenen Interessen und Fragestellungen zu erkunden und selbstbestimmt zu lernen. Im regionalen Netzwerk „Bildung für Umwelt und Nachhaltigkeit“ der Stadt Erlangen wurde uns die Initiative „Schule im Aufbruch“ und das Lernformat FREI DAY vorgestellt. Wir haben darin viele Gemeinsamkeiten mit unseren eigenen Vorstellungen von Umweltbildung erkannt.

Zusammen mit den Erfahrungen aus dem Waldkindergarten entstand daraus die Idee, selbst ein passendes Angebot für Schulen zu entwickeln. Uns war besonders wichtig, dass nicht wir die Themen vorgeben, sondern die Schülerinnen und Schüler ihren Interessen folgen und eigene Fragestellungen entwickeln können. So entstand „Selbstgesteuertes Lernen für die Zukunft“ als Angebot des Botanischen Gartens Erlangen.

Das ist interessant! Wie viele FREI DAY-Teams haben das Angebot bisher genutzt? 

Seit dem Start unseres Bildungsangebots im Sommer 2024 wurde „Selbstgesteuertes Lernen für die Zukunft“ bereits 13 Mal in Gruppen- und Führungseinheiten genutzt. Dabei haben wir nicht nur Schulklassen, sondern auch andere Zielgruppen erreicht. 

Allerdings haben wir festgestellt, dass die Buchungen teilweise nur zögerlich erfolgten. Wir vermuten, dass unser Angebot mit seinem etwas abstrakten Titel und der ausführlichen Beschreibung nicht auf den ersten Blick verständlich ist. Deshalb überlegen wir, es künftig unter einem kürzeren, einprägsameren Titel anzubieten, der die Idee deutlicher vermittelt – beispielsweise in Richtung „Dein Wunschthema im Botanischen Garten“.

Mit welchen Fragen und Themen kommen die Kinder zur Gartenführung?

Die Themen sind sehr vielfältig und überraschen uns immer wieder. Häufig bringen die Kinder Fragen mit, die wir in unseren bisherigen Führungen noch gar nicht behandelt haben. Das ist auch für uns bereichernd: Die Ideen der Schülerinnen und Schüler geben Anstöße für neue Bildungsangebote.

Ein besonders schönes Beispiel ist eine Klasse der Loschgeschule. Bei ihrem ersten Besuch entdeckten die Kinder Klebekarten und Behälter, die wir bei der biologischen Schädlingsbekämpfung einsetzen. Sie wollten genauer wissen, wie der Schutz unserer Pflanzen mithilfe von Nützlingen funktioniert, und wählten dieses Thema für ihren nächsten Besuch aus.

Die Klasse sammelte sogar Geld und spendete es dem Botanischen Garten zur Unterstützung des biologischen Pflanzenschutzes. Für den zweiten Besuch bestellten wir Marienkäfer und Florfliegenlarven, die die Kinder selbst auf befallenen Pflanzen in den Gewächshäusern ausbringen durften. Anschließend lernten sie weitere nützliche Insekten kennen.

Bis dahin war der biologische Pflanzenschutz bei uns vor allem ein Thema der internen Pflanzenpflege. Durch das Interesse der Kinder rückte er stärker in unsere Bildungsarbeit: Bei der Langen Nacht der Wissenschaften stellten wir die Arbeit mit Nützlingen in den Mittelpunkt. Mein Kollege Ralf Lohr hat inzwischen weitere Insekten aufgezogen, sodass wir auch Gottesanbeterinnen, Gespenstschrecken und Stabheuschrecken zeigen können. Das Beispiel zeigt, wie viel aus einer selbst gewählten Frage entstehen kann. 

Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Klimakrise – viele Menschen scheinen von diesen Themen gesättigt zu sein. Was können Erwachsene von dem Blick der Kinder auf solche Themen lernen?

Ich glaube, wir können von Kindern vor allem lernen, die Welt immer wieder mit neuen Augen zu sehen. Kinder begegnen ihrer Umgebung häufig mit einer großen Neugier, Offenheit und Begeisterungsfähigkeit. Sie entdecken auch in scheinbar alltäglichen Dingen etwas Besonderes und erinnern uns daran, wie faszinierend und wertvoll unsere natürliche Umgebung ist.

Gerade angesichts der vielen Krisen und negativen Nachrichten halte ich diesen positiven, emotionalen Zugang zur Natur für besonders wichtig. Die Natur ist nicht nur etwas, das wir schützen müssen, sondern auch ein Ort, an dem wir Freude, Ruhe und Erholung finden und neue Kraft schöpfen können.

Ich bin überzeugt, dass wir nur das dauerhaft schützen möchten, zu dem wir auch eine persönliche Beziehung entwickeln. Wenn es uns gelingt, die Schönheit und Vielfalt der Natur immer wieder bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen, kann daraus auch die Motivation entstehen, selbst aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen.

Für mich ist das ein wichtiger Gedanke der Bildung für nachhaltige Entwicklung: Nicht nur Wissen über ökologische Probleme zu vermitteln, sondern Menschen durch positive Naturerfahrungen zu ermutigen, sich aus eigener Überzeugung für den Erhalt der Biodiversität und eine nachhaltige Zukunft einzusetzen.

Inwieweit haben sich die Aufgaben und das Selbstverständnis von Botanischen Gärten im Hinblick auf BNE und Umweltbildung in den vergangenen Jahren verändert?

Botanische Gärten haben traditionell wichtige Aufgaben in der Sammlung, Erforschung, Erhaltung und Präsentation von Pflanzen. Auch die Vermittlung botanischen Wissens gehört seit Langem dazu. Diese Aufgaben bleiben unverändert wichtig. Gleichzeitig hat sich unser Selbstverständnis erweitert: Botanische Gärten sehen sich heute zunehmend auch als Orte der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), die einen Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen leisten können.

Dabei geht es nicht mehr allein darum, Wissen über Pflanzen und ökologische Zusammenhänge weiterzugeben. Wir möchten auch deutlich machen, wie eng unser eigenes Leben mit der Natur verbunden ist. Fragen zum Klimawandel, zum Verlust der biologischen Vielfalt, zur nachhaltigen Nutzung von Ressourcen und zur globalen Gerechtigkeit spielen eine immer größere Rolle. Uns ist wichtig, dass Besucherinnen und Besucher diese Zusammenhänge nicht nur kennenlernen, sondern auch ihre eigene Beziehung zur Natur hinterfragen und Möglichkeiten für verantwortungsvolles Handeln entdecken.

Damit verändern sich auch die Bildungsangebote. Neben klassischen Führungen gewinnen erlebnisorientierte und partizipative Formate an Bedeutung. Die Menschen sollen nicht nur zuhören, sondern selbst beobachten, Fragen stellen, gemeinsam forschen und eigene Ideen entwickeln. Gerade die lebenden Pflanzensammlungen bieten dafür besondere Möglichkeiten: An ihnen lassen sich globale Herausforderungen ganz unmittelbar zeigen und wissenschaftliche Erkenntnisse mit persönlichen Naturerfahrungen verbinden.

Auch die Zusammenarbeit mit Schulen, Initiativen und anderen Bildungseinrichtungen sowie Projekte der Bürgerwissenschaft gewinnen an Bedeutung. Sie ermöglichen es, Menschen stärker einzubeziehen und den Botanischen Garten als offenen Lern- und Begegnungsort zu gestalten. Für uns in Erlangen bedeutet das, die wissenschaftlichen Aufgaben des Gartens mit einer zeitgemäßen, handlungsorientierten Bildungsarbeit zu verbinden. Ich sehe die wichtigste Veränderung darin, dass wir nicht nur Wissen über Natur vermitteln möchten, sondern auch die Wertschätzung für sie stärken und Menschen ermutigen wollen, eine nachhaltige Zukunft mitzugestalten.

Welchen Beitrag können Botanische Gärten als außerschulischer Partner leisten?

Die besondere Stärke Botanischer Gärten liegt darin, dass sie wissenschaftliches Wissen und unmittelbare Naturerfahrungen miteinander verbinden. Biodiversität, Klimawandel, Ernährung oder nachhaltige Ressourcennutzung werden hier an lebenden Pflanzen anschaulich. Kinder und Jugendliche können beobachten, untersuchen, eigene Fragen entwickeln und Zusammenhänge selbst entdecken.

Gerade für den FREI DAY bietet das große Chancen. Botanische Gärten können Anregungen für Projekte geben, fachliche Fragen beantworten und einzelne Arbeitsschritte begleiten. Dabei sollten die Schülerinnen und Schüler möglichst viel selbst gestalten.

Allerdings sind unsere Kapazitäten begrenzt. Viele Botanische Gärten sind wissenschaftliche Einrichtungen, deren Mitarbeitende neben der Bildungsarbeit zahlreiche andere Aufgaben erfüllen. Eine dauerhafte und intensive Betreuung vieler Schulgruppen ist deshalb oft nicht leistbar.

Unser Angebot „Selbstgesteuertes Lernen für die Zukunft“ berücksichtigt diese Situation: Beim ersten Besuch erkunden die Kinder den Garten gemeinsam mit ihrer Lehrkraft eigenständig und wählen ein Thema aus. Beim zweiten Besuch vertiefen sie ihre Fragen mit unseren Gartenführerinnen und Gartenführern. Ergänzende kostenfreie Materialien ermöglichen es Lehrkräften, den Garten auch selbstständig als Lernort zu nutzen.

Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit braucht es daher eine sinnvolle Aufgabenteilung: Die Schulen übernehmen die längerfristige Begleitung, während wir den besonderen Lernort, fachliches Wissen und gezielte Unterstützung einbringen. So kann auch mit begrenzten Mitteln eine wertvolle Kooperation entstehen.

Wird es nach Ablauf der Förderung Ende des Jahres einen Nachfolger geben?

Wir würden uns sehr freuen, wenn die Förderung fortgesetzt werden könnte. Aufgrund der angespannten Haushaltssituation der Stadt Erlangen ist dies derzeit allerdings eher unwahrscheinlich. Unabhängig davon möchten wir das Bildungsangebot „Selbstgesteuertes Lernen für die Zukunft“ auch nach dem Auslaufen der Förderung dauerhaft in unserem Programm verankern. Die Schulen können das Angebot somit weiterhin nutzen. Allerdings müssen wir die Honorarkosten für die fachliche Begleitung beim zweiten Besuch künftig in Höhe von 80 Euro an die teilnehmenden Schulen weitergeben.

Vielen Dank für das nette Gespräch!

*Alle Fotos: Walter Weiß/Botanischer Garten Erlangen

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